Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters.
ICD -10 Code

F93.2
Definition

Bevor auf die Definition der Diagnose eingegangen wird, soll zunächst der Begriff der Angst an dieser Stelle erläutert werden: Die Angst zeigt sich in den unterschiedlichsten Formen; sie kann körperlich zum Ausdruck gebracht werden, sie kann erlebt werden oder äußert sich im Verhalten des Menschen bzw. Kindes. Herzrasen, Schweißausbruch, Erröten bzw. Erblassen oder angespannt sein, stellen körperliche Reaktionen auf Angstsituationen dar. Furcht dagegen stellt eine normale Anpassungsreaktion auf eine bedrohliche Situation mit dem Ziel der Überwältigung der Angstsituation dar.
Eine Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters kann als eine Art Fehlreaktion bezeichnet werden, bei der die Kinder bei dem Versuch der Überwältigung einer sozialen, für sie belastenden oder bedrohenden Situation, versagen.
Das seelische Erleben ist bei den betroffenen Kindern normal, aber letzten Endes übersteigert, das Sozialverhalten gestört und eine soziale Sicherheit schwach ausgeprägt oder gar nicht vorhanden.
Ursachen

Eine Störung mit sozialer Ängstlichkeit wird in Familien gehäuft beobachtet. So zeigen Studien, dass eineiige Zwillinge eine höhere Übereinstimmung der Merkmale, in diesem Falle des Merkmals soziale Angststörung, aufweisen, als zweieiige Zwillinge. Ob genetische Faktoren bei der Ausprägung der Störung nun doch eine Rolle spielen, muss durch weitere wissenschaftliche Arbeiten geklärt werden. Denn die familiäre Häufung kann auch – neben der möglicherweise genetischen Komponente – auf das Modellernen zurückgeführt werden: die Kinder orientieren sich an der Mutter oder am Vater. Das Kind lernt am Vorbild, an den Eltern, die soziale Kontakte oder Situationen meiden oder sogar fürchten.
Betroffene Kinder sind in der Regel empfindliche Charaktere, die in der Phase der psychisch- persönlichen Heranreifung/Entwicklung schnell beeinflusst und gestört werden können.
Symptome

Kinder und Jugendliche, die unter einer Störung mit sozialer Ängstlichkeit leiden, haben in erster Linie Angst vor fremden Menschen. Dabei ist es ganz egal, ob es sich bei den Personen um Erwachsene oder gleichaltrige Kinder bzw. Jugendliche handelt.
Dagegen zeigen die betroffenen Kinder oder Jugendlichen gute soziale Beziehungen zu den einzelnen Familienmitgliedern. In schweren Fällen kann sich das übersteigerte Angstempfinden auch auf persönlich vertraute Bereiche wie Kindergarten, Hort oder Schule ausweiten. Die Betroffenen versuchen ihre Mitmenschen oder soziale Umgebungen zu meiden; es resultiert ein Vermeidungsverhalten: es wird in öffentlichen Situationen nicht gesprochen oder nicht gegessen.
Ein Treffen mit anderen Personen oder der Besuch einer sozialen Veranstaltung (z. B. ein Kinder- oder Schulfest) ist so gut wie ausgeschlossen.
Diagnostik

Die Basis der Diagnoseerstellung stellt das ausführliche Gespräch zwischen Arzt und dem „kleinen“ Patienten dar. Allein durch dieses Anamnesegespräch kann im Falle einer Störung die Verdachtsdiagnose gestellt werden: der fragende Arzt ist für das Kind eine fremde Person, der Kontakt (in diesem Falle die Beantwortung der Fragen) wird also vermieden. Ein Austausch zwischen Arzt und Patient findet nicht statt. Zur weiteren Diagnoseermittlung werden auch die Eltern im Beisein des „kleinen“ Patienten ausführlich über das Kind befragt. Während dessen werden die sozialen Kontakte (Zuwendung, Kontaktaufnahme, Gesprächsführung) zwischen Mutter, Vater und Kind beurteilt. Auch die Beobachtung der allgemeinen körperlichen Haltung und des Verhaltens des Kindes im Untersuchungsraum können weitere Anhaltspunkte für die Diagnosestellung erbringen. Bei Jugendlichen zeigt sich während der Gesprächsdurchführung unter Umständen eine deutliche Ängstlichkeit im Zentrum des Geschehens. Wortkargheit bis Stummheit, Erröten oder Zittern können die Folge sein. Ferner bietet sich auch die Anwendung des so genannten Angstfragebogens an: vorausgesetzt das Kind kommuniziert mit dem Untersucher, werden Fragen bezüglich bestehender Ängste und den Auslösern gestellt. So kann nicht nur die bestehende Angststörung, sondern auch unter Umständen eine Kombination verschiedener Angststörungen diagnostiziert werden.
Auswirkungen

Die Störung entwickelt sich in der Regel sehr langsam und bei einem Ausbleiben einer Therapie wird sie chronisch. Die Kinder können dann in ihrem Handeln und Tun je nach Persönlichkeit und der Intensität in der gefürchteten Situation unterschiedlich stark beeinträchtigt sein. Die Kinder sind dann schließlich schlecht durchsetzungsfähig, zeigen mangelhaften oder gar fehlenden Austausch zwischen Altersgenossen.
Im späteren Leben sind erhebliche Einschränkungen im beruflichen sowie privaten Lebensbereich möglich: die betroffene Person meidet beispielsweise eine Rede vor versammelter Arbeitergesellschaft oder anderen Menschenansammlungen. Ferner können im späteren Leben Medikamenten- und/oder Alkoholmissbrauch eine Folge sein. Andere Angststörungen oder Depressionen können hinzutreten.
Therapie

Die Behandlung des Kindes bzw. des Jugendlichen erfolgt in der Regel ambulant.
Die stationäre Behandlung ist einer ambulanten Therapie nur dann vorzuziehen, wenn von der Familie aus ungünstige Impulse auf das Kind einwirken.
Bei der Behandlung schöpft man therapeutisch die Möglichkeiten der Psycho- und Verhaltenstherapie aus. Unter Umständen kann auch eine Psychopharmakotherapie (medikamentöse Therapie) angewendet werden.
Bei Durchführung der Psychotherapie werden parallel auch die Eltern fachlich beraten. Diese Therapie läuft bei Kindern in Form von Spiel und kreativer Gestaltung, bei Jugendlichen in Form von ausführlichen Gesprächen zwischen Arzt/Psychotherapeut und Patient ab.
In der Verhaltenstherapie werden wiederholt Sicherheitstrainings durchgeführt. Es sollen in diversen Rollenspielen und schließlich unter realen Bedingungen soziale Fähigkeiten oder Kenntnisse wie Gesprächsführung, Durchsetzungs- oder Behauptungsvermögen, Kontaktaufnahme und Kontaktpflege sowie Bewältigung neuer, nicht vorhergesehener und gefürchteter sozialer Situationen erlernt werden.
Prophylaxe

Unter den Familienmitgliedern muss ein stetiger Fluss von Botschaften und Handlungen bestehen (mit positivem Inhalt).
Der Umgang miteinander muss offen und ehrlich sein. Schwierigkeiten in der Gesprächsführung und im Informationsaustausch zwischen den Familienmitgliedern ist erzieherisch gesehen für das Kind nicht förderlich und sollten gemieden werden.
Auch ist eine zu enge Bindung des Kindes an die Eltern für die kindliche Natur eher ungünstig und sollte ebenfalls vermieden werden.
Ein regelmäßiges von den Eltern arrangiertes Treffen mit entsprechenden Altersgenossen, z. B. von Anfang an in Krabbelgruppen, auf Spielplätzen (wo die Wahrscheinlichkeit, fremde Kinder zu treffen, größer ist) oder in Form von Familienbesuchen, soll das Sozialverhalten fördern und stärken.
Sofern die Störung mit sozialer Ängstlichkeit des Kindesalters hauptsächlich genetisch bedingt sein soll, ist diese Einflussgröße durch familiäres Handeln schwer zu beeinflussen; dennoch kann unter günstigen Umständen durch die bereits oben erwähnten Verhaltensmaßnahmen in der Familie die Störung in ihrem Ausmaß gedämpft oder sogar behoben werden.
Bemerkungen

Literatur:
- Psychiatrie; Gastpar, Kasper, Linden; de Gruyter Lehrbuch mit
Repetitorium; 1996.
- Duale Reihe Psychiatrie und Psychotherapie; Möller, Laux, Deister, Thieme-Verlag; 3. Auflage, 2005.
- Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie; Payk; Thieme; 4. Auflage, 2003.

ib;ml; aktualisiert: 05/2009